Eine andere Kindheit - Mein Weg aus dem Autismus

Über die Biographie von Iris Johansson

Selbst unter jenen, die Bücher nicht nur kaufen, sondern sie auch immer wieder mit Begeisterung lesen, sind Biographien nicht immer wohlgelitten. Vielleicht, so könnte man ketzerisch meinen, sind doch nicht so viele Leben spannend genug, um sie unbedingt erzählt zu bekommen. Iris Johansson's Kindheit ist es, soviel vorneweg, ganz sicher wert, erlesen und bestaunt zu werden. Diese wundersame Geschichte ist die eines autistischen Kindes, das in seiner Veranlagung allerdings nicht gesehen (und diagnostiziert) wird. Das mag auf eine gewisse Weise ihr Glück gewesen sein. Denn Iris' Vater hält seine Tochter zwar für schwierig und eigenwillig, ist aber mitnichten bereit, sich den Verurteilungen, Abschreibungen und  gesellschaftlichen Aussetzungen anderer Beteiligter anzuschließen. Er tut alles, um seinem Kind irgendwie einen Zugang zu der Welt zu schaffen, die nicht die ihre zu sein scheint. Doch in welcher Welt leben autistische Menschen?

Es ist die hervorragende Stärke dieses Buches über das mittlerweile viel beschriebene und mit vielen Klischees und Halbbildungen behaftete Thema Autismus aus einer Sicht der persönlichen Betroffenheit zu schreiben, ohne dabei in einen selbstverliebten oder gar selbstmitleidigen Betroffenheits-Jargon zu fallen. Iris Johansson verführt ihre Leser geradezu in eine Welt, die sie als die "richtige Welt" beschreibt, in Abgrenzung zu der ihr kaum zugänglichen "normalen Welt": "Andere Menschen lebten in der Normalen Wirklichkeit, die voller Werte war. (...) Ich sah, wie sie an der Oberfläche mit diesen Werten lebten, doch sah ich auch, wie sie unter dieser Oberfläche gemein waren..." Und: "Die Richtige Wirklichkeit ist ein Phänomen. Alles Leben, jede Bewegung ist ein Phänomen und bewirkt, dass die Konzentration nicht darauf liegt, dass man etwas tun muss, sondern darauf, welche Möglichkeiten zur Auswahl stehen."

Zwar besteht grundsätzlich für alle Menschen die Möglichkeit, sich nicht hinter Masken eines (möglicherweise unehrlichen) gesellschaftlichen Habitus und Wertesystems verstecken zu müssen. Aber wir erfahren, dass autistische Wahrnehmung durch ihre Ungebundenheit auf besondere Weise zu einem Blick hinter die Vorhänge geeignet ist. Weil sie nicht auf "normale" Weisen an emotionale Bewertungen und Wertesysteme gebunden ist und somit unter Umständen präziser zu einem besonders klaren und instinktivem Hinschauen in der Lage sein kann (wie es sonst vielleicht nur einzelne Künstler können).

 

Mädchen schaut aus Fenster

 

Eine solchermaßen wahrnehmende Veranlagung des unbestechlichen Blicks hinter die Wertsysteme kann selber zu einem deutlich mehr an Integrität ausgerichteten  Wertsystem gelangen. Dabei erliegt die Autorin aber dennoch nicht der nahe liegenden Versuchung, diese in ihr polar wirkenden Welten gegeneinander auszuspielen. Sie weiß genau, dass ihre eigene 'abstrakte' und von subjektiven Gefühlsverblendungen freie innere "richtige Welt" dennoch die "normale Welt" der anderen Menschen braucht. Sie muss deren Kommunikationssystem erlernen, um selber nicht in einem Niemandsland ohne Bezugssystem zu landen.

"Es gibt eine Atmosphäre um uns, eine Art immaterielle Gemeinschaft, die eine Sicherheit garantiert, ein Vertrauen, in dem man geben und nehmen und im selben Augenblick einen Austausch mit anderen haben kann."

Solches Erkennen (und viele weitere bemerkenswerte Aussagen) lässt einen Reichtum an Zusammenhängen zu, welche Allgemeingültigkeit erreichen, wie sie wohl nur durch den Außenseiterblick, der umso sehnlicher am sozialen Gefüge teilhaben will, gefunden werden kann. Doch auch hier entgeht Johansson der Gefahr, besserwisserisch zu wirken. Ihre Erzählung bleibt eine subjektive, die uns fast unbemerkt in objektive Gefilde der sozialen Kommunikation, des sozialen Miteinanders führt.

Im letzten Teil des Buches erfahren wir, wie die eigentlich autistische Schwäche einer individuellen Veranlagung durch das Wunder und Glück einer Biographie in eine besondere Form der kommunikativen Stärke umgewandelt wird. Die 1945 geborene Iris Johansson kann in ihren erwachsenen Lebensjahren den "entrückten" Blick auf das ”Allzumenschliche” nutzen, um die Prämissen menschlicher Kommunikationsprobleme zu verstehen und als Kommunikationstrainerin vielen  Menschen entscheidend weiterhelfen. Beispielsweise hilft Johansson auch einer an Bulimie erkrankten Jugendlichen durch eine instinktgebundene (und nicht  erzieherisch-therapeutische) Zuwendung, ihr Leiden zu besiegen. Man denkt an  dieser Stelle an den legendären Psychiater Ronald D. Laing, der Psychosen in einer interpersonalen Phänomenologie "miterlebend" behandelte und sich damit gegen alle konventionellen Ansätze stellte.

Und spätestens hier versteht man auch, dass autistische Fähigkeiten auf ganz "natürliche" Weise in menschliche Extreme gehen, um diese in eine wie auch immer geartete "Normalität" zurück zu holen. Dies bietet eine Perspektive, die nicht nur beim Zuschauen faszinieren kann. Sondern (mehr und anders als andere exotische Grenzveranlagungen) auch existentielle Fähigkeiten vermittelt, die normalen Menschen offenbar im Verlaufe ihrer Sozialisierung zu gesellschaftlich funktionierenden Individuen sehr oft verloren gehen.

Bis zu den beeindruckenden Berichten von Johanssons therapeutischer Arbeit wird uns jedoch auch eine geradezu märchenhafte Welt einer Kindheit erzählt, deren Schilderung ein soziales Kaleidoskop einer ländlichen Welt im Schweden der Nachkriegszeit bietet. Von Landstreichern und Einzelgängern, wunderlichen Phantasiegestalten, häuslichen Pfarrern und bösen familiären Zurückweisungen erfahren wir ebenso, wie von der Zuneigung und Liebe einer Vaterfigur, die in ihrer stoischen Konsequenz fast biblisch anmutet.

Wohl hat dieses eigenwillige Buch auch seine Längen. Wenn etwa gleich zu Beginn recht verwirrende Ahnenstränge der Johansson-Familie beschrieben werden, ohne dass man auf Anhieb vollständig versteht, wer dabei in welchem Zusammenhang genau von Bedeutung ist. Oder wenn im beginnenden zweiten Teil des Buches eine Zusammenfassung bisheriger Umstände und Phänomene vielleicht nicht ganz die erzählerische Präsenz des ersten Erzähl-Stranges halten kann. Doch fügen sich diese kleinen Schwächen auf eine Weise in ein Gesamtbild, welches alle Redundanz  ebenso wie etwas willkürliche formale Schnitte als Teil einer autistischen Welt  vermittelt, in der eben andere Gesetze wirksam sind, als die einer biederen literarischen Perfektion. Dieses 'Andere' erzählt sich in immer wieder  bemerkenswerten Sentenzen und Erkenntnissen, die zum Nachdenken und Wundern einladen, nicht ohne dabei in all ihrer schriftlichen Distanz auch immer wieder sehr ergreifend zu wirken.

Michel Ackermann

 

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Buch-Cover: Eine andere Kindheit

 

Das Buch "Eine andere Kindheit" ist im Oktober 2012 im Verlag Urachhaus erschienen. Die gebundene Ausgabe hat 414 Seiten und kostet 24,90 €.

 

Iris Johansson wurde 1945 geboren. Als sie klein war, vermutete man bei ihr eine Entwicklungsstörung und Dyslexie, heute würde man Autismus diagnostizieren. Nach der Schule arbeitete sie in einem Friseursalon. Später studierte sie Religionsphilosophie, Pädagogik und Psychologie und leitete Einrichtungen für schwer erziehbare Jugendliche. Heute ist sie eine begehrte Vortragsrednerin und schult europaweit Sozialarbeiter, die mit Süchtigen, Psychose-Patienten oder Menschen mit Autismus arbeiten.

(Quelle: Verlag Urachhaus)

 

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