Erfahrungsberichte

An dieser Stelle finden Sie eine Auswahl von bemerkenswerten Erfahrungsberichten autistischer Menschen, ihrer Angehörigen und begleitenden Beraterinnen aus dem Buch "Autismus verstehen & verändern", die unsere Arbeit mit dem Davis-Autismus-Ansatz (be)greifbar und verständlich machen. Weitere Fallbeispiele finden Sie im Buch selbst.

 

(Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir mit den persönlichen Daten vertraulich umgehen. Alle persönlichen Rückmeldungen liegen uns im Original vor und können selbstverständlich überprüft werden)

 

Fallbeispiel: Erfahrungen eines Erwachsenen

Davis-Beraterin Christien Vos aus den Niederlanden arbeitete im Verlauf eines Jahres mit einem männlichen Erwachsenen. Sie trafen sich einmal alle zwei Wochen. Er hat mit dem Programm gekämpft und war oft streitlustig und widerständig; trotzdem hat er nach Abschluss des Programms tiefgreifende Veränderungen in seinem Leben erfahren:

 

Mit 39 Jahren lebte Willem, ein hochfunktionaler männlicher Autist, allein und hatte keine Freunde. Als er zu mir kam, war er unfähig, mehr als eine Aufgabe am Tag zu erledigen, und er war wiederholt dabei gescheitert, eine Arbeit zu bekommen oder zu behalten. Er war sehr argwöhnisch und hochsensibel und stotterte. Er war auch extrem intelligent, aber es fehlte ihm an Kreativität.

 

Das Davis-Autismus-Programm war ein harter Weg für ihn. Er hasste es, mit Knete zu arbeiten, stellte am Anfang viele der Begriffe in Frage und widersetzte sich. Gleichwohl hörte er nicht auf, ein Jahr lang einmal alle zwei Wochen zu mir zu kommen. Im Laufe der Zeit nahm seine Abneigung ab und unsere Auseinandersetzungen wurden kürzer und weniger angreifend/verteidigend. Er begann das Gefühl zu mögen, das jeder beherrschte Begriff ihm verschaffte.

 

Weil er allein lebte, keine Freunde und keine Arbeit hatte, war es schwierig für ihn, im täglichen Leben eine Rückmeldung zu bekommen. Trotzdem konnte er nach ein paar Monaten, als wir seine Erfahrungen aus den zurückliegenden Wochen besprachen, die Veränderungen in seinen eigenen Denkprozessen und seinem Verhalten erkennen.

 

Nachdem er das Programm beendet hatte, hörte ich eine Weile nichts mehr von ihm. Schließlich, nach 18 Monaten, schrieb er mir eine Email und machte einen Termin aus, damit er von seinem derzeitigen Leben berichten konnte.

 

Bei diesem Treffen erzählte er von folgenden Veränderungen:

 - er hat keine Angst mehr vor Anderen, obwohl er immer noch das Gefühl hat, dass er übermäßig argwöhnisch ist, und immer noch stottert;

 - er hat in sozialen Situationen einen Überblick, versteht, warum Leute handeln, wie sie handeln, und fühlt sich nicht mehr ängstlich, durcheinander, zornig, verloren oder gestresst;

 - er kann mehrere Dinge gleichzeitig machen und mit mehrteiligen Aufgaben in der richtigen Reihenfolge umgehen und dabei entspannt und orientiert bleiben;

 - er entwickelt Initiativen und führt sie wirklich aus;

 - er wurde kreativer – er hat zum Beispiel angefangen zu zeichnen;

 - er ist der Mannschaftskapitän und Webmaster seines Bridgeclubs und schreibt Berichte von Bridgeturnieren für die Bridgegemeinde;

 - er ist einer Diskussionsgruppe beigetreten (im wahren Leben, nicht im Netz), die sich regelmäßig vor ihren Diskussionen zum Essen trifft;

 - er macht Pläne für seine Zukunft.

 

Fallbeispiel: Ein Kind mit Asperger-Syndrom nach einem Jahr

Davis-Beraterin Gale Long konnte von den langfristigen Veränderungen eines jungen Mädchens berichten, mit dem sie gearbeitet hatte. Die Mutter des Kindes lieferte ebenfalls Hintergrundinformationen.

 

Kaylas Mutter berichtet:

Kayla wies viele Symptome des Asperger-Syndroms auf. Neben den sprachlichen Problemen hatte sie mit Wut und Ärger zu kämpfen, war leicht reizbar durch Geräusche, Menschenmengen, Licht und Gerüche. Ihre motorischen Fertigkeiten waren unterentwickelt, sodass normale Aktivitäten wie Radfahren oder Gehen schwierig waren. Ihre Manien und Zwangsvorstellungen waren Aspekte, die alltägliche Handlungen schwierig machten. Das Erkennen sozialer Hinweisreize fehlt, was ihr erschwert, Gesichtsausdrücke, Körpersprache und die unausgesprochenen Regeln der Gesprächsführung zu deuten. Sie neigte dazu, übertrieben freundlich zu sein. Sie hatte eine ungewöhnliche Empfindlichkeit gegenüber Licht, Lebensmitteln und Berührung. Ihre sensorische Integrationsstörung hatte eine jahrelange Therapie zur Folge. Wie die meisten Autisten hatte sie sowohl Schwierigkeiten mit dem Übergang von einer Handlung zur nächsten als auch damit, Freundschaften zu schließen und zu pflegen.

 

Wir befanden uns während ihrer Grundschulzeit in einem ununterbrochenen Stresszustand. Die Schule hatte keinen Plan, wie sie ihr helfen konnte. Sie wussten nicht, wie sie mit ihr im Klassenraum umgehen sollten. Die Schüler wussten nicht, wie sie mit ihr interagieren sollten. Sie machten sich über sie lustig, und weil sie sprachlich unterlegen war, fing sie an zu randalieren. Sie wurde wegen ihres Benehmens der Schule verwiesen und kam in der vierten Klasse auf eine Schule für verhaltensauffällige Kinder. Als sie in die Mittelstufe kam, war Kayla konfrontiert mit Chaos, Angst, Sich-anpassen-Wollen und Sich-abgelehnt-Fühlen. Sie hatte keine Freunde und wurde gemobbt. Die Fachleute sagten, ich müsse die Tatsache akzeptieren, dass sich bei Kayla nie eine Verbesserung einstellen würde.

 

Die Autismus-Beraterin berichtet:

Bei unserem ersten Treffen kam Kayla zurückhaltend herein. Sie versteckte sich ein wenig hinter ihrer Mutter und klammerte sich an ihre Hand, als ob etwas Schreckliches passieren würde, wenn sie losließe. Aber so, wie sie mich mit ihren schönen blauen Augen und langen Wimpern ansah, war sie offensichtlich neugierig. Als sie anfing, sich in meiner Gegenwart mehr zu entspannen, wurde sie übermütig und begann zu kreischen und auf und ab zu springen. Mit offensichtlicher Begeisterung vertraute sie mir einige Erfahrungen an, aber ich hatte solche Schwierigkeiten, ihre Sprache zu verstehen, dass ich so tun musste, als wüsste ich, was sie gesagt hatte.

 

Beobachtungen der Autismus-Beraterin – ein Jahr nach dem Davis-Autismus-Programm:

Kürzlich habe ich mich mit Kayla nach der Schule zum Essen getroffen. Als die Schüler aus dem Unterricht entlassen wurden, bemerkte ich Kayla, die in aller Ruhe den Fußweg entlang ging und mit einem Freund klönte und lachte. Was für ein Unterschied! Vor einem guten Jahr war es normal gewesen, dass die anderen sie schikanierten oder auf dem Spielplatz links liegen ließen, wenn ich sie zu ihren Autismus-Sitzungen abholte. Oftmals hatte sie geweint. Es tat mir leid, dass sie so kämpfen musste, um in ihre Welt hineinzupassen.

 

Heute hat Kayla viele Freunde, die sie gleichberechtigt behandeln. Gerade neulich hat Kayla an einem zweitägigen Ausflug mit Floßfahrt teilgenommen. In den vorherigen Jahren hatte sie nie Freunde und nicht die Fertigkeit, Übernachtungserfahrungen zu sammeln. Das war also enorm – fähig zu sein, Ängste und unzureichende soziale Fertigkeiten zu überwinden, um tatsächlich einen schönen Tag mit Freunden genießen zu können! Kayla kämpft manchmal immer noch, aber sie hat die Werkzeuge und die Fähigkeit, Situationen zu beurteilen und angemessen zu reagieren. Von Kayla zu lernen, wie schwierig alles aus der autistischen Perspektive ist, war lehrreich für mich.

 

Als wir mit dem Essen fertig waren, bat ich Kaylas Mutter, in drei Worten zu beschreiben, wie Kayla vor ihrem Autismus-Programm war. Sie antwortete: Isolation, Frustration und Traurigkeit. Die drei Ausdrücke, mit denen sie Kayla jetzt beschreibt: Hoffnung, Leichtigkeit der inneren Einstellung und Freude.

 

Ängstlich erwartete ich Kaylas Antwort auf die gleichen Fragen. Sie dachte sorgfältig darüber nach und sagte mir drei Worte für vorher: Traurigkeit, Einsamkeit und Kummer. Heute sagt sie, sie fühlt sich glücklich, einbezogen und zuversichtlich.

 

 

Fallbeispiel: Reflexionen über die drei Phasen des Programms

Davis-Beraterin Cathy Dodge Smith erinnert sich an Erfahrungen mit einigen ihrer Klienten und bezieht diese auf die unterschiedlichen Phasen des Davis-Programms.

 

In der Programmphase der Individuation kann ich manchmal schon die reale Person hinter der Maske oder dem Nebel des Autismus erahnen, und zwar während kurzer Phasen desjenigen Zustandes, den wir ‚Orientiertsein‘ nennen, und den die meisten Leute wohl als 'Total-präsent-Sein' bezeichnen würden. Am Anfang sind solche Momente kurz und flüchtig. Man muss sehr aufmerksam sein, um sie zu bemerken und darauf zu reagieren.

 

Ich hatte einen kleinen Siebenjährigen in meinem Büro, der nicht sehr interessiert daran war, was ich auf der Tagesordnung hatte. Über eine Stunde lang wanderte er herum, redete ununterbrochen, fasste Sachen an und bewegte sich hauptsächlich in seiner eigenen Welt. Auch wenn er mich von Zeit zu Zeit ansprach oder mich bisweilen etwas fragte, so war er doch nicht an meinen Antworten interessiert, wartete noch nicht einmal meine Erwiderung ab. Schließlich hörte er mitten drin auf, kam zu meinem kleinen Tisch, wo ich auf ihn wartete, sah mir in die Augen und sagte deutlich: „Okay. Was sollen wir machen?“ Ich sagte ihm, was ich von ihm wollte, und er setzte sich hin und machte es. Er war für etwa fünf Minuten total bei mir, dann stand er auf und war wieder „weg“.

 

Wenn die Individuation stabiler wird, dehnen sich die flüchtigen Momente der Orientierung aus und die Zeit, die man „weg“ ist, verringert sich allmählich. Das mache nicht ich; es passiert einfach, wenn der Klient sich im orientierten Zustand zunehmend wohler fühlt und er weiß, wie man freiwillig dorthin kommt.

 

Die nächste Phase des Programms, Identitätsentwicklung, erlaubt der Person, vergleichsweise zügig die normalen Entwicklungsschritte zu durchlaufen, die sie teilweise oder ganz ausgelassen hat, weil sie in der realen Welt nicht völlig präsent war. Während wir die Begriffe gemeinsam entdecken, wird dem Klienten die reale Welt nach und nach vertrauter.

 

Ich habe einmal mit einer jungen Frau (26 Jahre alt) den Begriff „Zeit“ erarbeitet. Als ich sagte, dass sich die Erde dreht, auf der wir uns befinden, sah sie mit einem strahlenden Gesichtsausdruck hoch und sagte, dass sie sich plötzlich „Okay“ fühlte und ausgeglichener und verbundener damit, auf dieser Erde zu sein.

 

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich mit einem jungen Mann, als er die Arbeit mit dem Begriff „Reihenfolge“ beendete. Er konnte selbst einem einfachen Ablauf von Schritten nicht folgen, etwa einem geschriebenen Rezept oder einer geschriebenen Notiz, wie er zum Supermarkt gehen, etwas kaufen und zurück nach Hause kommen sollte. Sein Gesichtsausdruck, als er den letzten Schritt zur Beherrschung von Reihenfolge machte, war reine Freude, Glück, Überraschung und Ruhe.

 

Ist Identitätsentwicklung erst einmal abgeschlossen, kommt die letzte Phase des Davis-Programms, soziale Integration. Auch hier ist es fantastisch, das erwachende Bewusstsein davon mitzuerleben, wie Beziehungen funktionieren. Ein junger Mann sagte mir, „er brauchte das wirklich“, weil er immer völlig frustriert davon war, dass er etwas wissen sollte, was ihm aber vorher nicht erklärt worden war. Er entdeckte, dass das die „ungeschriebenen Gesetze“ sozialer Interaktion waren. Wir verbrachten eine wunderbare Zeit damit, solche „ungeschriebenen Gesetze“ zu finden und aufzuschreiben!

Die Bezeichnung “Davis®-Autismus-Ansatz” ist gesetzlich von Ronald D. Davis als Markenzeichen geschützt. Die kommerzielle Verwendung dieses Markenzeichens als Kennzeichnung von pädagogischen,
therapeutischen oder Beratungsangeboten erfordert die Lizenzierung durch den Warenzeichenhalter.

 

Für weitere Informationen siehe: www.davisautism.com


Davis Social Media

Facebook
Twitter
Youtube
Davis-Newsletter

Davis Homepages

Lernintelligenz
Autism-International
Davis-Methode